Elisabeth Landgräfin von Thüringen (1207 - 1231)

Elisabeth gehört zu den großen Frauengestalten der Christenheit, die eher ihrer tätigen Nächstenliebe wegen verehrt werden als um ihrer Visionen willen. Meditation und Seva (selbstloser Dienst) gingen jedoch bei allen Heiligen Hand in Hand, nur das menschliche Schubladen-Denken will diese Tatsache nicht recht anerkennen. So wird fleißig eingeteilt in "tätige Heilige" und "Mystiker", als ob nicht beides höchste Aktivität im Dienste Gottes wäre. Seva und Meditation bezeichnet Sant Thakar Singh als zwei Hände, mit denen man fähig ist, Gott, den Nächsten und dem eigenen Selbst zu dienen (Sant Mat II/88).

Elisabeths äußeres Leben

Erzsébet verbrachte die ersten Jahre ihres Lebens auf Burg Patak in Ungarn. Ihre Mutter Gertrud wurde von ungarischen Adeligen ermordet als das Kind 6 Jahre alt war. Doch zu diesem Zeitpunkt ist die Königstochter schon nicht mehr in Ungarn. Als Vierjährige hatte man sie dem ältesten Sohn des Landgrafen Hermann von Thüringen verlobt, um durch eine politische Heirat ein Bündnis zu schließen. Doch der vorgesehene Bräutigam stirbt überraschend und Elisabeth bleibt in Thüringen bei Ludwig, dem jüngeren Bruder des Toten, der sie liebt wie eine Schwester.

Die Überlieferung zeichnet Elisabeth als ein ganz normales Kind, "übermütig und ein wenig eitel, das sich freut über Zierbänder, Spiegelchen und Korallenketten". Sie berichtet aber auch über die Eigenart des Mädchens, mitten im heißesten Spiel plötzlich innezuhalten und wie ein Wirbelwind in die Kapelle zu laufen. Auch weiß sie von Auseinandersetzungen mit Ludwigs Mutter zu erzählen, weil Elisabeth "in der Kirche ihr Krönchen nicht aufbehalten wollte".

Die steifen Hofleute auf der Wartbrug zu Thüringen sind schockert. So haben sie sich die Braut ihres jungen Landgrafen nicht vorgestellt. Zum Teenager herangewachsen, läuft sie lachend durch die hohen Säle der Burg, anstatt sich an das strenge Hofzeremoniell zu halten. Die glutäugige Ungarin kümmert sich wenig um die höfische Etikette, ist eigenwillig, fröhlich, selbstbewusst, kritisch, und vor allem liebt sie stundenlange Ausritte durch Regen und Sturm.

Und noch etwas wird der "Ausländerin" verübelt: Die junge Frau verabscheut Repräsentationspflichten, trägt am liebsten schlichte Kleidung aus Wolle, verschenkt ihren Schmuck und gibt großzügig Almosen an alle, die ihr bedürtig erscheinen. Die "Unarten" ziehen haufenweise Bettler und Sieche in den Burghof. Ein früher Chronist schreibt über "bittere Schmähworte, unverschämte Beleidigungen und offene Verfolgung von seiten missgünstiger Hofleute. Mitten unter ihnen allen aber blühte Elisabeth auf wie eine Lilie unter Dornengestrüpp."

Im Jahre 1221 findet die prunkvolle Hochzeit des 21jährigen Regenten mit der 14jährigen Elisabeth statt. Ein Jahr darauf wird ihnen ein Sohn geboren. Die Ehe ist von Liebe und Zärtlichkeit geprägt und nichts weist auf das nüchterne Zweckbündnis hin, das dieser glücklichen Ehe zugrundeliegt. Wenn Ludwig sich längere Zeit außerhalb der Burg aufhält, legt Elisabeth Trauerkleidung an, bei seiner Rückkehr tauscht sie diese gegen ein Festgewand aus, "läuft ihm entgegen und küsst ihn mehr als tausendmal herzlich auf den Mund". Das Geheimnis dieser starken Liebe ist sicher, dass einer dem anderen Respekt entgegenbringt und ihn annimmt, wie er ist. Elisabeth hat eine innige Beziehung zu Gott, zwingt ihren Mann aber nicht, ihr gleichzutun. Ludwig akzeptiert, dass seine Frau Nacht für Nacht aus dem Zimmer huscht, um mit ihrem Gott Zwiesprache zu halten. Feldmann schreibt: "Er weiß, dass sich diese Liebe in einer anderen Dimension vollzieht und dass Elisabeths Liebe zu Gott ihre Liebe zum Gatten trägt und belebt und schön macht". Sie selbst bekennt: "Ich schließe Ludwig in meine Liebe zu Gott ein und ich hoffe, dass Gott, der die Ehe geheiligt hat, uns ein ewiges Leben gewähren wird."

Selbstloser Dienstag

Elisabeth schafft sich durch ihre spontane, warmherzige, alternative Lebensart nicht nur Freunde. Unter den Familienmitgliedern und Höflingen unterstützt sie einzig ihr Ehemann und schirmt sie ab vor dem Spott und dem Hass der anderen. Was tut diese Frau, um so angegriffen zu werden?

Sie zieht im Laufe der Jahre mehr und mehr Konsequenzen aus dem Wissen um den Hunger und das Elend der kleinen Leute. Sie vertauscht ihre prächtigen Gewänder gegen eine einfache Tracht, legt Ringe und Bänder ab, isst mit den Bediensteten und erkennt nach hartnäckigem Forschen, dass sie von dem lebt, was anderen weggenommen wurde. Weil sie nicht weiß, wie sie die Not der entlassenen Tagelöhner, der verstoßenen Kleriker, der heruntergekommenen Pilger, der Kriegsinvaliden, der Krüppel, Waisen, Dirnen, der verarmten Ritter, der vertriebenen Bauern und der Verzweifelten lindern kann, beginnt sie, noch radikaler zumindest ihren persönlichen Lebensstil zu verändern. Sie verschmäht bei Tisch alles, was von den Ämtern und Eintreibungen der Beamten stammt, und isst nur Speisen, die von den rechtmäßigen Gütern ihres Mannes kommen.

Elisabeths Motivation entspringt einer stärkeren Quelle als nur dem Bedürfnis, gut zu sein. Sie war dem leidenen Christus begegnet: "Auf dem Weg nach Eisenach, mitten in einem fürchterlichen Unwetter, sah sie auf einem Holzstoß ein in Lumpen gehülltes Kind, das sie aus schmerzvollen, wissenden Augen anblickte. 'Wo ist denn deine Mutter, Kind?' fragte Elisabeth. Daraufhin wuchs anstelle des Holzstoßes ein Kreuz empor, an dem Christus hing und sie ansah - und seine Augen waren die des Kindes".

Ein anderes mystisches Erlebnis stammt aus den ältesten Berichten: "Elisabeth ist mit großem Gefolge in der Kirche. Sie schaut auf das Kreuz mit dem geschundenen Christus und denkt: 'Sieh, da hängt dein Gott, nackt, und du unnützer Mensch gehst mit kostbaren Kleidern einher. Sein Haupt ist mit Dornen verwundet und deines ist mit God geschmückt!' Und sie fiel wie tot zu Boden!"

Dass Elisabeth in den Armen und Kranken den leidenden Christus sieht, ist auch für Ludwig nicht immer leicht zu begreifen. Aber unbeirrt steht er auf ihrer Seite. Einmal, als Elisabeth gar einen Leprösen ins Ehebett legt, um ihn besser pflegen zu können, stürzt er entsetzt ins Zimmer und sieht, "weil Gott ihm die inneren Augen geöffnet hat, den Gekreuzigten liegen". Beschämt murmelt er: "Elisabeth, solche Gäste kannst du mir noch oft ins Bett legen!" Es zeigt sich, dass ihr praktischer Sinn sehr ausgeprägt ist. Sie reserviert ihre Liebe zu Christus nicht für die wenigen Stunden des Gottesdienstes, sondern lebt in seiner ständigen Gegenwart. Lieblose Worte weist sie sanft zurück mit den Worten:" Der Herr ist da, betrübt ihn nicht!"